Maximilian Gaul:
Neue Bürger- und Sozialkultur – ein unersetzlicher Beitrag für die Sozialentwicklung einer Gemeinde
Referat gehalten auf der Tagung der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum in Zusammenarbeit mit der Hanns-Seidel-Stiftung am 04.04.2000 in Weyarn
Fragen über Fragen
Unsere Kommunen sind reicher an Angeboten und Infrastruktur denn je, aber ist unsere Gesellschaft lebendiger, hat unser Zusammenleben heute eine höhere Qualität als früher? Ist der einzelne heute glücklicher, lebt er sinnerfüllter als in den Nachkriegsjahren?
Können in unserer Kommune Alte und Junge, Familien und Singles Lebensqualität finden? Gibt es im Wohnumfeld genug sowohl an Privatheit, als auch an Öffentlichkeit, um einerseits Initimsphäre zu wahren und andererseits aber auch nicht zu vereinsamen, damit soziale Beziehungen aufgenommen und gepflegt werden können? Werden Kinder und Jugendliche allein gelassen, sozial vernachlässigt oder haben sie die Chance, gesund aufzuwachsen? Können Menschen, die alt werden, in ihrer Kommune weiterleben? Sind sie auf Gedeih und Verderb dem guten Willen ihrer Kinder, soweit vorhanden, ausgeliefert oder haben sie auch bei uns im ländlichen Bereich Alternativen, ihren Lebensabend so selbstbestimmt wie möglich zu verbringen? Finden sich junge Frauen in dem gesellschaftlich entwerteten Bereich als Mutter zurecht oder isolieren sie sich in ihrem „neu erbauten Haus mit Grund drumrum im Grünen auf dem Lande“?
Das sind Fragen, mit denen sich heute ein Kommunalpolitiker beschäftigen muss, wenn es um die Sozialentwicklung seiner Kommune geht.
Allerdings nicht in dem Sinne, dass er nun all die mit diesen Fragen verbundenen Probleme in der Kommunalverwaltung und mit Hilfe kommunaler Finanzmittel lösen müsste. Was notwendig ist, damit diese Fragen befriedigend gelöst und beantwortet werden können, ist vor allem bürgerschaftliches Engagement in einer Neuen Bürger- und Sozialkultur. Die wichtigste Frage, die sich doch gerade heute stellt ist: „Wie kommen wir von der fürsorgenden Belagerung zum Bürgerengagement in Form von Selbsthilfe. Wie schaffen wir es, dass sich Menschen adäquat im sozialen Bereich engagieren und dabei Kompetenzen entwickeln können?“? Wie entwickeln wir unsere Kommune sozial weiter, damit unsere Dörfer nicht zu Schlafgemeinden und Wochenendsiedlungen verkommen, sondern Zukunft haben.
Bürgerschaftliches Engagement oder »Neue Kultur«?
Der von Alois Glück eingeführte Begriff »Neue Sozial- und Bürgerkultur« zeigt, dass es beim bürgerschaftlichen Engagement tatsächlich um eine kulturelle Leistung geht, um schöpferisch gestaltete Lebensäußerung, an der die Bürgerinnen und Bürger in den Kommunen mitwirken sollen und müssen.
Der Begriff »Kultur« in diesem Zusammenhang macht nämlich deutlich, dass es um einen qualitativen Sprung in der Entwicklung unserer Kommunen geht: Der Mensch, der eigenverantwortlich, mitverantwortlich und sinnerfüllt seinen unmittelbaren Lebensraum kultiviert und dadurch beiträgt, dass das Zusammenleben der Menschen in unseren Dörfern wieder lebendiger und solidarischer wird.
Es geht also um eine gesunde Sozialentwicklung in unseren Kommunen, in der Bürgerinnen und Bürger nicht bloß anspruchsvoller Kunde in einem Dienstleistungsunternehmen Kommune bleibt, sondern jetzt auch zum Produzenten von Leistungen für das Gemeinschaftsleben werden können und es auch werden. Hierzu ist eine neue Sozial- und Bürgerkultur unersetzlich. Die Zeitschrift „der gemeinderat“ spricht in diesem Zusammenhang auf dem Titelblatt im März 2000 sogar von der „Ressource Bürger“.
Die Allmacht von Politik und Verwaltung
Die Ansprüche der Bürger steigen. Wir helfen oft in der Politik aber auch selbst reichlich dazu, damit diese Ansprüche noch weiter wachsen. In ihrer Allzuständigkeit glaubt die Kommunalpolitik, allen Ansprüchen gerecht werden zu können. Wir Kommunalpolitiker verstärken dies. Die Kommunalpolitik hat selbst dazu beigetragen, dass man sich insbesondere nach der Gebietsreform schon im kleinsten Dorf daran gewöhnt hat, Probleme, die schnell vor Ort gelöst werden könnten und früher auch wurden, an das Rathaus zu delegieren und sie Profis zu überlassen. Aus der Profilierungssucht von Fraktionen oder Wählergruppen werden zudem immer neue Aufgaben an die Verwaltung delegiert, anstatt gemeinsam nach Möglichkeiten zu suchen, wie Verantwortung zurück in die Bürgerschaft delegiert werden kann. Christoph Böhr spricht von einer „Verantwortungsgesellschaft“. Denn im Sinne dieser neuen »Sozial- und Bürgerkultur« wäre es, sich in den Ratsfraktionen bereits vor Antragstellung zu überlegen, welche Aufgaben, nur subsidiär aus der Kommunalverwaltung unterstützt, auch von den Bürgern vor Ort (wieder) selbst übernommen werden können.
Nicht immer muss die Kommune, aber auch eine Organisation alles allein oder selber machen:
Das Alten- und Pflegeheim in Roßtal wäre nicht entstanden, wenn nicht auf ein privates Baumodell gesetzt worden wäre. Die Verwaltung hat dann alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass die baurechtlichen Voraussetzungen geschaffen werden konnten und hat sich um einen Träger der Freien Wohlfahrtspflege bemüht.
Anstatt weitere, eigene Sozialwohnungen zu bauen, die Steuermittel auf Dauer binden, unterstützt die Kommune mit einem einmaligen Baukostenzuschuss in einer bestehende, nicht kommunale Baugenossenschaft und erhält dafür das Belegungsrecht auf 25 Jahre für 20 Wohnungen.
Im Rathaus und öffentlichen Gebäuden stehen für Selbsthilfegruppen und Beratung Räume zur Verfügung (Krebsselbsthilfegruppe, Sozialpsychiatrischer Dienst, …). Dadurch wird das Rathaus zu einem umfassenden »Dienstleister«, allerdings in der Mitverantwortung der Vereine und Bürger.
Die kommunale Volkshochschule nimmt neue Ideen aus den Vereinen und der Bürgerschaft mit auf und unterstützt und stützt sie (Agenda 21, Seniorentanzgruppe in Zusammenarbeit mit AWO) auch durch Fortbildungsangebote. Der Volkshochschulbeirat war schon immer ein unbesoldetes Ehrenamt.
Die AWO liefert für den Diakonieverein ins „Betreute Wohnen“ das Essen.
Die Chance der Kleinen
Dabei haben wir kleineren, kreisangehörigen Kommunen eine besonders große Chance zu einer guten Sozialentwicklung im Rahmen der Neuen Sozial- und Bürgerkultur.
- Die Nähe unserer Bürger zu ihrer Verwaltung ist nicht nur räumlich, sondern auch geistig groß. Wenn auch in den kleineren Kommunen sich das Lebensumfeld verändert hat, neue Bedürfnisse geweckt werden, neuer Bedarf sichtbar wird, wenn auch hier das Anspruchsdenken höher geworden ist, so ist die Anonymität noch nicht so hoch ausgeprägt wie in den Großstädten. Bei uns ist es noch leichter, gleich direkt zu fragen: „Wie wichtig ist dir dein Anliegen? Bist du bereit, an deiner Idee mitzuarbeiten?“
- In kleineren Kommunen kennen sich Mandatsträger und Bürgerinnen und Bürger, ihre Bedürfnisse und ihren Bedarf besser. Man weiß über die Strukturen, ihre Stärken und Defizite schneller Bescheid.
- Trotzdem entsteht gerade oft dort ein „blinder Fleck“. Es unterbleibt dort oft jede Art von Anamnese und Analyse der Ist-Situation. Man glaubt zu schnell, dass es keiner Erneuerungen und neuer Ideen bedarf, dass es keinen neuen oder andersartigen Bedarf bei uns gibt (oder zu geben hat). In keinem Bereich wird der gesellschaftliche Wandel auch bei uns auf dem Dorf so deutlich, wie im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe und der Familie. Die Ehen zerbrechen. Die Zahl der Alleinerziehenden, Einkindfamilien und Singles nehmen auch bei uns zu. Damit werden Einrichtungen in der Kommune unumgänglich wie Kindergartenplatz für jedes Kind ab 3 Jahre (und darunter), Kinderhorte, Nachmittagsbetreuung, Hausaufgabenbetreuung, Spielflächen, Begegnungsmöglichkeiten, Seniorenbetreuung, …
- Die Bereitschaft zum Engagement der Bürger ist mit unserer gewachsenen Vereinsstruktur noch stark gegeben, aber gerade dort werden oftmals (moralisch) untermauerte Vorstellungen von Lebensart und Lebensführung tradiert, ohne dass bemerkt wird, wenn sich die Fakten verändert haben. Es gibt auch bei uns nicht mehr allein die funktionierende, bäuerlich geprägte Großfamilie, die intakte Familie, die nichtberufstätige Mutter und Hausfrau, die mal schnell auf das Nachbarskind aufpasst oder die Frauen und Männer, die vor Ort ihrer Arbeit nachgehen und deshalb ihre ehrenamtlichen Dienste (z. B. in der Feuerwehr) nachgehen können usw., die Bereitschaft ein Amt über Jahrzehnte auszuüben, sich lebenslang an einen Verein zu binden. Es gibt jedoch zunehmende Bereitschaft, sich in ein Projekt einzubinden und für eine geraume Zeit daran mitzuwirken und mitzuarbeiten. Erstaunlich, wie oft gerade auch Projekte aus Bürgerinitiativen (gegen die einstimmige Absicht des Gemeinderates auf Zulassung eines Gewerbebetriebes!) junge Familien zusammenschweißen und neue Freundschaften entstehen, Nachbarschaftshilfen und Freundschaften zwischen jungen Familien, die über den Tag hinaus Bestand haben.
- Gerade in unseren kleineren Kommunen steht der Erhalt von bestehenden Vereinen im Vordergrund, weil Alter und Tradition eines Vereines einen (oft zu) hohen Wert darstellen, ohne dass darüber nachgedacht wird, dass Vereine auch die aktuellen Bedürfnisse befriedigen, sich also wandeln müssen, dass Menschen mit anderen Bedürfnissen nicht auf die bestehenden Vereine verwiesen werden dürfen, weil man sie sonst ausgrenzt und nicht ernst nimmt. Mancher Verein muss vielleicht auch einmal sterben, damit sein Fehlen vielleicht als Mangel empfunden wird.
Das Gute bewahren! Offen sein und bleiben!
- Es sind bei uns vor allem die Vereine und Kirchen, denen in den Bereichen Sport, Kultur und Soziales eine hohe Bedeutung zukommen. Ihre Wertschöpfung für die Kommunen müssen noch stärker in den Blickpunkt genommen werden. Es ist in Roßtal beispielhaft, dass sich noch immer auch viele angesehene und beruflich erfolgreiche Männer in den sozialen Vereinigungen engagieren (AWO, VdK, Diakonie, Caritas, Familienkreise der Kirchen...). Das Ehrenamt in Vereinen darf vor allem bei der Diskussion um „Bürgerschaftliches Engagement“ im sozialen Bereich nicht außen vor bleiben. Es gibt aber inzwischen in allen drei Bereichen auch Ad-hoc-Gruppen in unseren Gemeinden, die sich allerdings wiederum oft um Vereine oder Einrichtungen herum gruppieren (Besuchsdienst im Altenheim, Theatergruppen, Skatertreff, Osterbrunnen in Roßtal-Buchschwabach, …)
Deshalb kann es der Kommune alles andere als egal sein, ob Pfarrgemeinden oder Vereine ohne ordentliche Führung sind. Eine Mitwirkung bei der Suche nach geeigneten Persönlichkeiten nützt in erster Linie der Kommune. - Um ein stärkeres Mitverantwortungsbewusstsein in Verwaltung und Bevölkerung zu bringen und das Anspruchsdenken zu minimieren, müssen sie Informationen über genaue Kosten haben. Nur dann ist ein Kostenvergleich zwischen kommunal, privatwirtschaftlich oder durch freie Träger (Vereine usw.) erbrachten Leistungen möglich. Die Wertschöpfung durch bürgerschaftliches Engagement muss dabei stärker ins Blickfeld genommen werden. Auch die Wertschöpfung durch Prävention muss stärker beachtet werden.
Eine Haushaltsentlastung wird durch „Rückgabe von Souveränität an die Bürgerschaft“ (Hermann Hill) erreicht. Viele Bürgerinnen und Bürger erfüllen gern Aufgaben des persönlichen Lebensumfeldes, wie etwa Verwaltung von Sportstätten, Spielplätzen, Bürgerhäusern, Material (z. B. Bühne) ohne bürokratische Gängelung (Im Gemeindeteil Weitersdorf funktioniert die Selbstverwaltung des Gemeinschaftshauses hervorragend, unser Jugendhaus wird seit vielen Jahren selbstverwaltet, unterstützt allerdings durch Professionelle). Mitbürger bringen ihre berufliche Kompetenz gern auch ein bei Elternabenden und in die Elternarbeit, Vorträgen, Familienkreisen in Kommune, Kirchen, Schulen, Kindergärten, Verbänden und Parteien. Dies führt zu einer stärkeren Identifikation mit dem Gemeinwesen.
Menschen möchten nämlich ihr berufliches Know-how auch in die eigene Kommune mit einbringen. Sie stellen es bei konkreten Projekten zur Verfügung (z. B. Internetpflege im Markt Roßtal). Hierfür sollten auch kleine Honorare zur Verfügung stehen. Es nützt der Verwaltung, sich dieses Engagements hilfreich zu bedienen. - Bei Planungs-, Entwicklungs- und Gestaltungssentscheidungen müssen Betroffene zu Beteiligten gemacht werden. Ganz besonders wichtig wird dies in allen Fällen, in denen die Bürgerbeteiligung sowieso bereits gesetzlich vorgeschrieben ist (Bauleitplanung) und dort wo Maßnahmen auf Bürger unmittelbar umgelegt werden (müssen). Sie nimmt die Beteiligten in die Mitverantwortung (z. B. Planung von Wohnumfeld, Spielplätzen, Freiflächen, Verkehrsberuhigung durch intelligente Straßenführung, Schulhofgestaltung, Errichtung einer Skaterbahn, ...) Die Mitarbeit in diesen Gremien bedarf mehrerer Voraussetzungen: Es muss die Kompetenz dieser Gremien klar geregelt sein. Was haben sie zu sagen? Wer hat die Gewährleistungsverantwortung? Wie sieht es mit der Entscheidungsverantwortung aus? Wer hat die Vollzugsverantwortung? Sie müssen hierarchiearm sein, man braucht Geduld mit ihnen und „learning by doing“ ist angesagt. Der Prozess selbst hat einen Eigenwert. Nicht immer ist der Weg das Ziel, hier aber ist der Weg ganz bestimmt ein Ziel: Menschen zusammenzubringen an einer konkreten Aufgabe.
- Neue Formen der Information werden angeboten: Internet (bei uns ehrenamtlich), „Sozialmesse“ als Markt der Möglichkeiten sozialer Einrichtungen und Vereinigung vor Ort, „Bürgerfrageviertelstunden“ vor Sitzungen, Nachfragemöglichkeiten nach Sitzungen, Tag der offenen Tür, Seniorenbürgerversammlung mit dem Bus, moderierte „Bürgerversammlung auf allen Ebenen“, eigene Jugendseiten im Amtsblatt, kostenloses Amtsblatt mit (meist) kostenlosen Anzeigen der Vereine und Initiativen.
Die Menschen brauchen die sozialen Kontakte. Alte Menschen müssen teilhaben können an den Neuerungen in der Kommune. Sie müssen „gefragt sein“. Jungen Leuten muss Gelegenheit gegeben werden, mit alten Menschen in Kontakt zu kommen (Seniorentage der Kommune unter Beteiligung von Jugendhaus, Jugendgruppen, Schulen, Kindergärten, Sing- und Musikschule, Vereinsarbeit, VHS).
Gutes tun und darüber reden.
- Es muss wieder „in“ sein, in seiner Freizeit auch für andere sich zu engagieren. Deshalb müssen solche Leistungen regelmäßig veröffentlicht (Amtsblatt der Kommune), öffentlich gelobt und geehrt werden. Der Begriff „Neue Sozial- und Bürgerkultur“ wird dadurch gebildet und mit Beispielen angereichert.
- Durch Belohnungssysteme bringt unsere Kommune die Vereine in die vom Leitbild geforderte Richtung: ein zusätzlicher Jugendfond fördert bei uns bewusst alle Bereiche der engeren Jugendarbeit außerhalb des eigentlichen Vereinsziels (Jugendfußballer schaffen sich fürs Vereinsheim Brettspiele an, Übungsleiter gehen auf pädagogische Fortbildungen usw.) gegen den laufenden Widerstand der „Gießkannenpolitiker“. Ausschüttung der Gewinnverspendung genau an die Gruppen, die ins Leitbild passen (Eigenverantwortung, Solidarität, Subsidiarität).
- Die Kultur der Selbständigkeit gilt nicht nur im übertragenen Wortsinn, sondern gerade auch für unsere Wirtschaft. Sie ist für die Sozialentwicklung einer Kommune von unschätzbarem Wert. Fördern von privaten Initiativen, von jungen Menschen, die sich selbständig machen wollen. Sogar wenn sie mit ihrem Angebot in Konkurrenz zu gemeindlichen Einrichtungen treten. (Eine private Musikschule gründet sich vor Ort, obwohl ein Kommunaler Musikschulzweckverband besteht, und darf trotzdem die Konzerte in der Grundschulaula abhalten).
- Für Gemeinschaftsleistungen im Dorf zur Ortsverschönerung, Anlegen von Spielflächen und Plätzen usw. muss immer Geld da sein. Denn solche Gemeinschaftsleistungen schaffen Identität mit dem Dorf, schweißen zusammen und bleiben beispielhafte Dokumente, ja „Denkmale“ von Sozial- und Bürgerkultur. (Wenn die Defersdorfer anstatt einer Feuerwehrfahne lieber einen kleinen Dorfplatz mit einem Brunnen haben und bauen wollen, dann darf die Kommune dabei nicht abseits stehen...)
- Bei Aktionen wie z. B. „Augen auf für Nebenan“ muss die Kommune mittun. Solche Aktionen, die von außen an uns herangetragen werden, aber das Leitbild einer neuen Sozial- und Bürgerkultur“ stützen, bedürfen der ideellen Unterstützung durch die Rathausverwaltung und des Bürgermeisters (Informationen weitergeben, auslegen, Aufkleber vorhalten, in Seniorenkreisen für die Aufkleber werben, bei Bürgerversammlungen die Aktion zum Thema machen, selber mit Beispiel vorangehen usw.)
- Vernetzung der Angebote von VHS, Gemeindebücherei, „Kulturzelt“, Sportvereinen, Schulen, Kindergärten, kirchlicher Erwachsenenbildung, Jugendarbeit in Jugendhaus und beim „Runden Tisch: Älter werden in Roßtal“ sowie bei den Vereinen durch regelmäßige Treffen mit den Vereinsvorsitzenden. Runde Tische, wenn sie moderiert werden, sind keine verlorenen „Quasselrunden“.
- Engagierte Bürger müssen auch im öffentlichen Raum die Möglichkeit bekommen, ihre Arbeit darzustellen, Ergebnisse zu präsentieren, Hobbys als Anregung für andere darzustellen, Fragen zu stellen. Stellwände im Rathaus bieten den „Runden Tischen“ diese Möglichkeiten.
Nichts ist selbstverständlich! Noch ein paar Beispiele
Gemeinschaftliches und soziales Leben ist auch in Roßtal bei 10.000 Einwohnern und mindestens 100 Vereinen keine Selbstverständlichkeit! Es muss daher bei jeder Gelegenheit aufgezeigt werden, was dies für ein Gemeinwesen bedeutet: viele Aufgaben, die anderswo nicht gemacht oder durch Steuern finanziert werden müssen, werden bei uns durch die Kirchen, Organisationen und Vereine vorgehalten.
Die Vielfalt der Angebote sind aber oft überhaupt nicht bekannt. Dies führte zur Idee der Sozialmesse als Markt der Möglichkeiten im sozialen Bereich unserer Kommune am einzigen Jahrmarkt, der uns aus unseren Marktrechten noch verblieben ist.
Hier stellen sich einem breiten Publikum die Vereine und Organisationen im Rathaus vor, die unser Leben im Markt Roßtal erleichtern, bereichern und unsere Kommune als eine lebenswerte, weil soziale ausweisen.
Ziel dieser „Sozialmesse“, die bewusst den Begriff der mittelalterlichen Messe anlässlich unseres „Martinimarktes“ aufgreift, ist es, nicht nur die Angebote unters Volk zu bringen, den Stolz des Marktes Roßtal auf seine Sozialkultur zur Schau zu tragen und damit auch das Selbstbewusstsein der Ehrenamtlichen zu stärken sowie Möglichkeiten der Rekrutierung von Freiwilligen zu schaffen.
Einmal pro Wahlperiode führt der Markt Roßtal eine Ehrung im Sozialbereich durch. Es geht dabei um eine möglichst lückenlose Erfassung von Menschen, die sich für andere sozial engagieren in den Wohlfahrtsverbänden, Kirchen und in Selbsthilfegruppen, aber auch in der eigenen Familie. Die Ehrung erfolgt im Rathaus. Es wird eine Ehrenurkunde überreicht und außerdem ein speziell für diesen Zweck angefertigtes Präsent. Hier erfährt man (leider) auch, dass sich Menschen, die sich vor allem im sozialen Bereich engagieren, manchmal zieren, sich ehren zu lassen. Soll man dann Ehrungen unterlassen? Besser ist es, zu verdeutlichen, dass es neben dem Dank der Öffentlichkeit auch bei der Ehrung darum geht, die Angebote zu verdeutlichen, Vorbilder zu haben für andere. Man macht dann die Erfahrung, dass auch die stark altruistisch geprägten Ehrenamtlichen eine Ehrung annehmen.
Als Ehrungen für Freiwilligenarbeit in der Jugendarbeit eignet sich hingegen eine Einladung zum Pizzaessen besser als eine Urkunde.
Bei der Jugendhilfeplanung werteten wir als wichtigen präventiven Ansatz das Schaffen eines familienfreundlichen Wohnumfelds. Wir erarbeiteten für den Landkreis Fürth konkrete Vorschläge, damit bei der gemeindlichen Bauleitplanung die dort erarbeitenden Grundsätze angewandt werden können. In unserer Verwaltung und im Bauausschuss versuchen wir mit unseren Planern, diese Erkenntnisse umzusetzen. Das Wohnumfeld muss als Spiel- und Erfahrungsraum für Familien mit Kindern zur Verfügung stehen.
In unserem Projektgruppe „Jugendhilfeplanung“ mit Eltern, Vereinsverantwortlichen und Kommunalvertretern werden in enger Zusammenarbeit mit der Verwaltung Kinderspielplätze vor Ort mitgeplant und mit begleitet. Dort findet eine Vernetzung von Ideen und Angeboten für Familien statt. Der Arbeitskreis achtet auch auf die Einhaltung der Maßnahmenempfehlungen zum Bereich „Leitbild Nachbarschaftliches Wohnen“:
„Die heute vorherrschenden Bauformen sind ein Spiegel unserer sozialen Realität. Jeder kann sich auf seine vom Nachbarn durch Abstandsflächen getrennte “Burg“ zurückziehen und empfindet Annäherungsversuche des anderen als störend und aggressiv. Begegnungsräume werden von ihrer Funktion als Fahrstraße dominiert und stehen einer sozialen Nutzung nur sehr bedingt zur Verfügung (Sondernutzung für Straßenfeste). In der Folge entstehen monotone Aufreihungen von Gebäuden. Die Leidtragenden sind oft die Kinder und Jugendlichen. In den Siedlungen gibt es zu wenig Räume, die eine erlebnisreiche Nutzung bzw. Gestaltung zulassen. Soziale Monostrukturen sind die Folge.“ (Aus den Vorbemerkungen zu den Ergebnissen des Arbeitskreises „Wohnen“ der Jugendhilfeplanung im Landkreis Fürth)
Wohneigentum muss für unsere Familien bezahlbar bleiben. Wir haben deswegen ein Baulandmodell durchgesetzt. Bei der Vergabe werden u. a. solche Kriterien berücksichtigt wie Familienzusammenführung (Eltern - Großeltern), aber auch ehrenamtliches Engagement.
Wir müssen in unseren Gemeinden alle Räume so nutzen, dass sie unseren Familien auch zur Verfügung stehen. Leere »Floriansstübchen« eignen sich für »Mutter-Kind-Gruppen« an Vor- und Nachmittagen. Das staatliche Zuschussunwesen wird oft als Begründung angeführt, um solche Aktivitäten zu verhindern.
Alle Anstrengungen müssen unterstützt werden, die in präventives Handeln münden. Es darf nicht sein, dass man zuerst einen Notstand konstruieren muss, um damit präventives Handeln und Engagement zu rechtfertigen. Aus einem präventiven Engagement darf auch nicht auf ein korrespondierendes Bedürfnis rückgeschlossen werden (z. B. Drogen). Wer sich für Prävention einsetzt zeigt, dass er Verantwortung für die Zukunft übernimmt.
Die Nachbarschaftshilfe Roßtal, eine ökumenische Initiative aus dem Bereich der kath. Christkönigsgemeinde (Frauenbund) und der evang.-luth. Laurentiusgemeinde (Diakonieverein) löst sich leider auf, weil die Damen weniger zu einem nachbarschaftlichen Einsatz im Haushalt gebeten, sondern zum Schluss nur noch als Transportunternehmen „missbraucht“ wurden. Die Oma ließ sich zur Krankengymnastik von der Nachbarschaftshilfe fahren, während der Enkel, dessen Auto vor der Tür steht, zum Fenster hinausschaut … Ein Neuanfang mit Unterstützung des Marktes Roßtal wird von den Initiatoren angestrebt.
Will eine Kommune, gerade wenn sie ein Auspendlerzentrum ist wie Roßtal, nicht als „Schlafkommune“ verkommen, muss Leben in der Gemeinde ermöglicht werden. Hierzu gehört nicht nur die Stärkung der Vereine in allen Gemeindeteilen durch ideelle und finanzielle Unterstützung (Vereinszuschüsse, kostenlose Veröffentlichungen und Ankündigungen im Amtsblatt), „Bürokratiehilfen“, Internetdarstellungen, sondern auch die Stärkung von Aktivitätspotentialen und von Selbsthilfen.
Die »Neue Sozial- und Bürgerkultur« – Wertschöpfung in unserer Kommune
Unsere Dörfer brauchen auch im 21. Jahrhundert Zukunft. Heimat habe ich dort, wo ich Menschen weiß, von denen ich angenommen und geliebt bin. Alles, was die Familien stärkt, stärkt die Gemeinschaft und bildet Kapital für die Zukunft unserer Dörfer. Die sozial Schwachen sind ja nicht nur wirtschaftlich schwächer, sie haben auch weniger Verbindungen. Die „Neue Sozial- und Bürgerkultur“ entwickelt unsere Kommunen weiter. Menschen, die sich engagieren, gewinnen selbst und sind ein Gewinn für andere.
Insbesondere der Kompetenzgewinn ist unbezahlbar. Kompetenzen, die z. B. in der Familienselbsthilfe gewonnen werden, sind nicht nur für die eigene Familie von Nutzen, sondern auch für die Arbeitswelt, in der Schlüsselqualifikationen immer wichtiger werden.
So schätzen z. B. Mütter folgende Schlüsselqualifikationen, die sie in der Initiative gewonnen haben, als sehr hoch ein: sich auf andere Kinder einstellen können, Umgang mit Gruppenprozessen, tolerant sein, Verantwortung übernehmen, eigeninitiativ sein, konfliktfähig sein, im Team arbeiten können …
Bei Vätern, die einen Kompetenzgewinn verzeichnet haben, zeigt sich ganz deutlich der Nutzen von Schlüsselqualifikationen im Beruf.
In wissenschaftlichen Untersuchungen wird deutlich, dass der Kompetenzgewinn desto höher wird, je größer das Engagement ist. Anders: je mehr den Eltern durch die Institution selbst abgenommen wird, desto geringer ist der Kompetenzgewinn, je höher der Grad der Eigeninitiative und das zeitliche Engagement ist, desto höher wird der durchschnittliche Nutzen in Beruf, Familie und Öffentlichkeit („Quelle: Dokumentation Deutsches Jugendinstitut e.V. München, Familienselbsthilfe und ihr Beitrag zur kommunalen Wertschöpfung 1998“). Das sollte auch den „Professionellen“ zu denken geben, weil von ihnen Ehrenamtliche oft als „Zudringlinge und Störenfriede“ erlebt werden.
Ministerpräsident und Parteivorsitzender Edmund Stoiber hat am 18. März 2000 vor dem Kongress der Grundsatzkommission zum Thema der Sozialentwicklung folgendes ausgeführt: mit der Aktivierung des Bürgerlichen Mitverantwortungsgeistes können wir auch den oft lähmend erscheinenden Dualismus von „wirtschaftlich oder sozial“ aufbrechen: Das wir gelingen, wenn sozial künftig nicht mehr nur allumfassende staatliche Fürsorge und Umverteilung des Erwirtschafteten ist, sondern mehr und mehr Raum und Motivation für Eigenverantwortung und bürgerliche Mitverantwortung geschaffen wird.
Verfasser:
Maximilian Gaul,
Erster Bürgermeister Markt Roßtal,
90574 Roßtal
E-Mail: m.gaul@rathaus.rosstal.de
