Was ist eine »Aktive Bürgergesellschaft«?
Zuerst, was »Aktive Bürgergesellschaft« nicht ist:
- Ideen entwickeln, die ausschließlich andere tun sollen, nach dem Motto: „Man müsste mal, man sollte doch, könnte man nicht?!?“
- Unterschriften abgeben, ohne die Verantwortung für das Ergebnis zu übernehmen
- Bürgerbeteiligung ausschließlich als Basisdemokratie im Sinne von „Volks- und Bürgerentscheiden“ zu verstehen
Die neue Bürgergesellschaft, die unsere Kommunen braucht, um wieder innovativer, lebendiger und menschlicher zu werden, verstehen wir als umfassendes Konzept, das auf dem christlichen Menschenbild beruht und eine Balance zwischen der Freiheit für die persönliche Lebensgestaltung und Lebensentfaltung und der Bereitschaft zur Verantwortung für sich selbst und für die Mitmenschen herstellen will. Dieses Konzept verfolgt den Vorrang und die Stärkung der kleinen Einheiten im Sinne des Subsidiaritätsprinzips ebenso wie die Umsetzung des Prinzips der Nachhaltigkeit als gelebte Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen.
Was kennzeichnet dann eine »Aktive Bürgergesellschaft«?
Sie ist gekennzeichnet von verschiedenen Einflüssen wie z. B. dem Verständnis vom politisch engagierten Bürger bei Aristoteles, Freiheitsbegriffe nach Hobbes, Kant und Taylor, der Katholischen Soziallehre und der evangelischen Ethik, dem Liberalismus und dem Kommunitarismus (nicht zu verwechseln mit dem Kommunismus). Viktor E. Frankl hat in seiner Logotheorie (Logos = Sinn) ein Menschenbild in die Psychologie eingeführt (Der Mensch als Leib-Seele-Geist-Einheit), das einen engen Bezug zur Idee der Aktiven Bürgergesellschaft hat: der Mensch sucht nach Sinn im Leben und findet ihn in seiner Aktivität für sich und seine Umwelt.
In Deutschland haben die Idee einer neuen Sozial- und Bürgerkultur insbesondere Alois Glück, Roland Koch und Heide Simonis weiterentwickelt. Aber auch Bundeskanzler Schröder sieht die „Zivilgesellschaft“, wie er die Bürgergesellschaft nennt, als „wichtigsten Ort der sozialen Teilhabe. Den Bürgern wird in dieser Zivilgesellschaft ein Stück Subsidiarität und Selbstbestimmung zurückgegeben ... Rückgabe von Verantwortung an die Menschen ... ist kein Geschenk des Staates, sondern gesellschaftspolitische Notwendigkeit ...“
Kernfragen der »Aktive Bürgergesellschaft« sind
- Wie wollen wir morgen unser Zusammenleben aktiv gestalten?
- Welche Leitbilder und Wertvorstellungen prägen dieses Zusammenleben?
- Welche Leitbilder und Wertvorstellungen steuern das politische Handeln?
- Wie gelingt es, dass unser Staat und seine Kommunen vitaler, zukunftssicherer, leistungsfähiger und menschlicher werden?
Leitbilder einer neuen Sozial- und Bürgerkultur sind:
- Mehr privat – weniger Ruf nach Staat und Gemeinde (Nicht mehr: Die Kommune soll machen, sondern was können wir selber tun...!)
- Kultur der Selbständigkeit
- Kultur des Helfens: Solidarität als Hilfe für echt Bedürftige
- Prinzip der Gegenseitigkeit: wer etwas bekommt, gibt auch wieder soweit und soviel er kann
- Prinzip der Nachhaltigkeit als Verantwortung für das Gemeinwesen
- Erziehung zur Eigenverantwortung und zum Engagement anstatt Selbstverwirklichung auf Kosten anderer; Selbstverwirklichung als Suche nach dem Sinn des Lebens
- Subsidiarität als Vorrang der kleinen Einheit anstatt Abschieben der Verantwortung auf höhere Ebenen: z. B. von der Familie auf die Kommune,
- Neue Formen der Bürgerbeteiligung über das gesetzlich vorgeschriebene Maß hinaus auch an der Ausführung von Vorhaben: z. B. Bürgergutachten
Wie wir vor Ort, bei uns in Roßtal, die »Aktive Bürgergesellschaft« verstehen und an einer neuen Sozial- und Bürgerkultur arbeiten wollen und können, zeigen die Beispiele bürgerschaftlichen Engagements. Wir Kommunalpolitiker haben die Aufgabe, durch Anerkennung, Unterstützung und Förderung dazu beizutragen, dass soziales Kapital durch Eigenarbeit der Bürger und durch Zusammenarbeit in der Bürgerschaft und mit den Verantwortlichen im Rathaus entstehen kann. Hier sind wir alle noch Lernende und bewegen uns in unserer Verwaltung gemeinsam lernend vom Dienstleister Rathaus zur Bürgerkommune.
Alle Beispiele treffen genau die Leitbilder der »Aktive Bürgergesellschaft«.
Maximilian Gaul
