Auszüge aus der Rede des Ersten Bürgermeisters
zur Einweihung des umgestalteten Rathauses
Es gehörte sicherlich zu den mutigsten und herausragenden Entschlüssen in der Nachkriegsgeschichte Roßtals, als
der Marktgemeinderat im Jahre 1968 den Beschluß faßte, zum ersten Male in der fast 650jährigen Stadt- bzw.
Marktgeschichte ein eigenes Rathaus zu bauen. Es gehörte ebenfalls viel Mut dazu, das Rathaus dorthin zu stellen, wo es
hingehört, in die Mitte der Gemeinde, auf den Marktplatz. Noch mutiger war es, ein architektonisches Werk der modernem
60er Jahre in ein Ensemble zu stellen, das zu den „schönsten Ortsbildern Frankens“ gezählt wird. Es war,
darin sind sich fast alle seither einig, ein architektonisch durchaus interessantes Bauwerk am falschen Platz.
Bei allen baulichen Mängeln nach 25 Jahren ohne großartigen Bauunterhalt stehe ich dazu: unser Roßtaler Rathaus aus dem Jahre 1972 konnte sich im Vergleich mit den meisten Rathäusern in unserem Landkreis architektonisch durchaus sehen lassen, wenn nicht der damals gewollte, aber das wunderschöne Ensemble des Roßtaler Marktplatzes stets zutiefst verletzende Kontrast der Baustile gewesen wäre. So blieb das architektonisch respektable Rathaus der 70er Jahre am falschen Orte immer ein Ärgernis, ein politisches Streitobjekt …
Mit uns feiern heute auch Markträte, die damals in die neue Zeit auch ein neues Haus bauen wollten, ein Haus dieser Zeit, ein Haus, das den endlich erwachenden Bürgerstolz zum Ausdruck bringen sollte, den Roßtal solange vermissen ließ, der in den 20er Jahren durch das Wirken des von den Roßtaler Nationalsozialisten schwer verleumdeten Bürgermeisters Hans Eckstein mit dem Bau der Schule, dem Ausbau des Knabenschulhauses zum Rathaus und vielem mehr seinen erneuten Beginn gefunden hat, in der Zeit des Nationalsozialismus unterbrochen wurde, und nun im Nachkriegs-Roßtal weitergeführt werden sollte.
Diese Landgemeinde konnte nun in ihrer mehr als 1000jährigen Geschichte zu Beginn der 70er Jahre ein modernes Rathaus errichten, das wir jetzt aufstocken und in das Ensemble einpassen konnten …
Denn aus den Stadtrechten von 1328 konnte Roßtal leider keinen Gewinn ziehen, ja Roßtal gab sie auch wieder 1821 zurück, um das zu werden, was es ja auch tatsächlich im Laufe seiner Geschichte geworden ist, eine einfache Landgemeinde ohne jeden Ehrgeiz. Und das in einem Gemeinwesen, das schon 954 Reichsgeschichte geschrieben hat, Zentrum einer großen Wallfahrt war und mit allen Rechten und Pflichten ausgestattet war wie die Stadt Nürnberg auch, durch den Kaiser Ludwig dem Bayern zu Rom im Jahre 1328.
Viele Ratschläge
haben den Architekten, meine Mitarbeiterin Frau Schinker, unseren Kämmerer und den Bauamtsleiter und mich zum Umbau in den vergangenen Monaten erreicht:
Man hätte nur ein einziges großes Dach draufsetzen sollen, das wäre billiger gekommen … und hätte sowohl Schloß wie Kirche so dominiert, daß wir alles verschlimmbessert hätten.
Man hätte um die Fenster weiße Faschen ziehen sollen … dann wäre die mit Mühe hergestellte Lochfassade der Lächerlichkeit preisgefallen, weil sich die Abstände vermindert hätten.
Man hätte eine Fachwerkwerblendung anbringen sollen, um das Rathaus in das Ensemble einzupassen … und hätte dann Kitsch produziert, weil man nur dort Blendfachwerk zeigen soll, wo dieses auch eine Funktion hat.
Man hätte keine weißen Fenster im Rathaus nehmen sollen, sondern dunkle Fensterrahmen … und hätte damit die Gesamtfarbgebung mit dem roten Sonnenschutz gestört, außerdem haben fast alle Gebäude am Marktplatz weiße Fenster. U. v. m.
Man hätte noch größer und auch vorne „Rathaus“ schreiben sollen … aber es kommt nicht darauf an, daß Rathaus drauf steht, sondern daß auch drin ist, was drauf steht, um in Anlehnung an einen Werbespot zu sprechen …
Denn unser umgestaltetes und nun vergrößertes und generalsaniertes Rathaus soll nicht nur äußerlich, sondern auch von innen höhere Akzeptanz finden. Die Mitarbeiter erhalten freundliche Räume, eine arbeitshygienisch durchdachte Möblierung, die sie motivieren werden, noch intensiver sich am Ziel ihrer Arbeit zu orientieren:
Mittelpunkt für unsere Bürgerschaft zu sein in der bürgernahesten Daseinsvorsorge und unserer Rolle als Kleinzentrum gerecht werden.
Dieses Haus ist eben kein Ausdruck des Größenwahns (Größenwahnsinnige haben 1933 das von Bürgermeister Eckstein umgebaute Knabenschulhaus als Rathaus bezogen). Dieses neugestaltete Rathaus ist Ausdruck eines neuen Verständnisses von Gemeindekultur, in der sich die Mitarbeiter als Dienstleister und das Rathaus als Dienstleistungszentrum verstanden wissen wollen. Ein Haus, in dem man sich beraten kann und beraten läßt. Ein Haus, in dem man Rat sucht und finden kann. Ein Haus, in dem man gemeinsam nach Rat sucht und nach Lösungen.
Ein Haus, in dem man Demokratie aber auch nicht als Selbstbedienungsladen durch unsere Bürger versteht.
Der Fraktionsvorsitzende der CSU im Bayerischen Landtag, Alois Glück, hat zum rechten Zeitpunkt mit seinen Thesen gegen den grenzenlosen Individualismus und kaschierten Egoismus eine Wertediskussion auf den Weg gebracht, die uns in den Kommunen ganz besonders betrifft:
Wir im Rathaus erleben hautnah, welche seltsame Arbeitsteilung in unseren Gemeinden zu laufen beginnt: einige wenige sind für das Wohlergehen der vielen zuständig, die vielen anderen scheinen ausschließlich für ihre eigene Selbstverwirklichung und das persönliche Wohlergehen auf der Welt zu sein. Wir Kommunalpolitiker und Rathausmitarbeiter sind dann außerdem noch dazu da, um den persönlichen Frust abzulassen und liefern die Berechtigung zur „Politikverdrossenheit“.Wie soll die Kommune sich verschlanken, wenn gleichzeitig die Kultur des Heims, das soziale Engagement breiter Bevölkerungsschichten, die Solidarität innerhalb des Familienverbandes abnehmen und die Anspruchshaltung gegenüber Staat und Kommune wächst?
Mit gutem Beispiel vorangehen.
Und trotzdem werden wir uns bemühen, gemeinsam in diesem Hause, zusammen mit den Fraktionen und Gruppen, die hier die kommunalpolitische Mitte ihres Wirkens haben, mit gutem Beispiel voranzugehen.
Wir dürfen in unserem Rathaus nicht nach dem Motto handeln: „Wie man in den Wald hinein ruft, so tönt es zurück“, obwohl viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch unter dem absoluten Anspruchsdenken leiden. Unser gemeinsames Ziel muß sein, daß aus diesem Hause ein guter Ruf hinausgeht.
Dazu gehört, daß wir nicht jedes Anliegen gleich abkanzeln, nach dem Motto: Haben wir noch nie gemacht, brauchen wir nicht und geht nicht. Dazu gehört auch, daß wir ohne Vorurteile auch die Anliegen prüfen.
Zum Wohle aller
Wir sind hier im Hause zum Wohle aller Bürgerinnen und Bürger bei unserer Arbeit. Berechtigte Einzelinteressen ausgenommen, dürfen wir nicht zum Wohl des einzelnen Bürgers tätig werden, wie dies auch immer wieder gewünscht ist.
Wir haben in diesem Hause begonnen, in Arbeitsgruppen uns ein Leitbild „Kommune“ und auch ein Führungsleitbild zu geben. Auch das gehört zur Generalsanierung dieses Rathauses.
Wir wollen offen sein.
Wir freuen uns, daß heute mit uns auch die Bürgermeister unserer Partnerstädte Auzances und Thalheim feiern. Unser Kunstwerk zeigt oben die deutschen Farben. Die deutsch-deutsche Partnerschaft mit der Stadt Thalheim liegt uns Roßtalern sehr am Herzen, weil wir gegen die neuen Mauem in den Köpfen anrennen müssen. Wir wollen offen sein: Unser neues Kunstwerk zeigt ganz oben Europa und diesem Ziel dient auch unsere Partnerschaft mit Auzances in Frankreich.
Wir wollen offen sein. Deshalb bin ich auch sehr stolz, daß in diesem neuen Haus am 22. Oktober 1997 als erster größerer Kongreß gerade die Jugendhilfeplanung des Landkreises Fürth ihre Ergebnisse im breiten Rahmen diskutieren wird. Jugend ist unsere Zukunft. Unser Markt Roßtal weiß das und handeln danach.
Dieses Haus wird ein Haus sein, in dem sich auch die Kultur wohlfühlt. Ausstellungen der verschiedenen Art und Foren werden in ihm Platz haben.
Wir grenzen auch nicht aus
und unterscheiden zwischen Einheimischen und Zugereisten, zwischen Deutschen und Ausländern, zwischen Jung und Alt, zwischen Sozialhilfegebern und Sozialhilfeempfängern, zwischen Roßtalern und »Roschtlern«. Wir wollen überhaupt, daß jeder gern in dieses Haus eintritt, und derjenige, der in Sorge, Leid oder Not hier hereinkommen muß, sich zumindest angesprochen und angenommen weiß.
Das Markenzeichen unserer Arbeit wird in einer repräsentativen Demokratie immer der Kompromiß sein … So wie auch dieser Bau ein Kompromiß ist. Denn kommunale Selbstverwaltung, wie wir sie hier in diesem Hause verstehen wollen, sucht das Zusammenwirken aller Kräfte beim Mühen um die beste Lösung anstehender Probleme. Dabei wird selten eine Mehrheit sich ihrer Sache so total sicher sein, daß es sich nicht lohnen würde, mit der Minderheit sich zu verständigen.
Sie sehen also, wichtig ist nicht, daß Rathaus drauf steht, wir müssen gemeinsam sorgen, daß auch Rathaus stattfindet.
Ich hoffe sehr, daß auf diesem Haus und auf allen Menschen, die in diesem Hause wirken und es nutzen, Gottes Segen liegt.
Roßtal, 25. Juli 1997
Maximilian Gaul
Erster Bürgermeister
